Am 20. März 2019 diskutierten Fachleute im Zentrum für Gegenwartskunst Nairs über neue Formen des Tourismus. Jon Erni von mia Engiadina war als Podiumsgast ebenfalls mit dabei.

Rund 20 Architekturstudentinnen und -studenten der ETH Zürich verbrachten eine Woche im Engadin und setzten sich insbesondere mit dem Entwicklungspotenzial der Region auseinander. Nach intensiven Tagesprogrammen fanden abends in Scuol Symposien statt. Zum öffentlichen Symposium «Neue Formen des Tourismus» war auch mia Engadina eingeladen. Neben Jon Erni sassen die Hoteliers Kurt Baumgartner und Carlos Gross sowie Gian Fanzun (Entwickler) und Jon Peer (Hochalpines Institut Ftan) auf dem Podium. Moderiert wurde die Diskussion von ETH-Gastdozent Roger Boltshauser und Architekt Lorenzo Giuliani.

Von Kurhausbauten zum Bündnerstil

Um die Gäste auf das Thema einzustimmen, gab Lorenzo Giuliani einen Einblick in den Hotelbau des Engadins. Er führte aus, wie das sonnenverwöhnte, trockene und mit Mineralwasserquellen gesegnete Engadin zum Reiseziel wurde. Dabei habe auch mitgeholfen, dass die Alpenpässe ausgebaut und die Bahnlinien der RhB bis nach St. Moritz und Scuol geführt wurden. Mit anschaulichen Bildern zeigte er, wie sich die Hotelarchitektur im Laufe der Zeit verändert hat. In einer ersten Phase wurden Kurhäuser gebaut, dann folgten symmetrische Palastbauten mit Flachdächern und schliesslich asymmetrische Schlossbauten mit Schrägdächern und Türmchen. In der vierten Phase sind wir beim Bündnerstil angelangt. Laut Lorenzo Giuliani hatten Luxushotels über viele Jahrzehnte eher Bestand als Mittelklassehotels, da die grossen Zimmer mit Vorzimmer die Möglichkeit boten, Nasszellen einzubauen. Viele Mittelklassehotels wurden im Zuge der zimmereigenen Nasszellen abgebrochen oder zu Aparthotels und Zweitwohnungen umgebaut.

«Vor 150 Jahren wurde der Wintertourismus entdeckt, lasst uns nun den Arbeitstourismus entwickeln!»

Arbeitstourismus fördern

An der anschliessenden Podiumsdiskussion gab es einige Punkte, in denen die Gäste völlig übereinstimmten, andere Punkte waren wiederum umstritten. Einig waren sich die Podiumsteilnehmer vor allem darin, dass im Tourismus eine gleichmässige Auslastung angestrebt werden sollte. Gian Fanzun schätzt das Unterengadin diesbezüglich als beständiger ein als das Oberengadin, weil sich der Tourismus hälftig auf Sommer und Winter verteilt. Seiner Meinung nach sollte das Ziel sein, dass Hotels und weitere Infrastruktur zehn Monate im Jahr geöffnet sind.  Zum Ausgleich der saisonalen Schwankungen könnte insbesondere der Arbeitstourismus beitragen – jene Gäste also, die in den schwach belegten Zeiten im Engadin arbeiten und sich gleichzeitig in der tollen Natur erholen. «Vor 150 Jahren wurde der Wintertourismus entdeckt, lasst uns nun den Arbeitstourismus entwickeln!» meint Jon Erni. Dank Anbindung des Engadins an ultraschnelles Internet wird derzeit die Infrastruktur geschaffen, damit sich Arbeitstouristen für eine gewisse Zeit an einen «Third Place» im Engadin zurückziehen können.

Potenzial der Mineralwasserquellen nutzen

Für Lorenzo Giuliani ist klar, dass sich das Unterengadin bewusster positionieren sollte. Die Gästestruktur im Unterengadin sei eine andere als im Oberengadin. Gian Fanzun möchte insbesondere die 26 gefassten Mineralquellen besser nutzen: «Hier liegt Potenzial brach». Auch eine Stimme aus dem Publikum fordert, dass die Quellen zum Erlebnis gemacht werden. Carlos Gross bemängelt betreffend Positionierung die fehlende Einheit im Unterengadin: «Wir gehen in unterschiedliche Richtungen. Jemand muss das zusammenführen.»

Still oder laut?

Bei den Gästen über 50 Jahren sieht Kurt Baumgartner ein Riesenpotenzial für das Unterengadin: «Diese sind heute topfit und schätzen die Natur». Nach Ansicht von Jon Peer mangelt es jedoch an der Infrastruktur für Jugendliche: «Diese wollen etwas erleben». Daraufhin entgegnet ihm Kurt Baumgartner, dass das Unterengadin sehr wohl über eine attraktive Infrastruktur für Junge verfüge und viel eher attraktive Arbeitsplätze benötigt würden, damit die jungen Leute im Tal bleiben. Auch aus dem Publikum spricht sich jemand für die Stille und gegen eine Tourismusindustrie aus.

«Es findet derzeit ein Wandel zu einer nachhaltigeren Gesellschaft statt.»

Gross oder klein?

Hotelier Kurt Baumgartner plädiert für grössere Hotels: «Man kann ein Hotel heute fast nicht mehr kostendeckend führen. Man muss Abläufe optimieren, um ein Hotel effizient führen und langfristig darin investieren zu können.» Doch Carlos Gross sieht auch Möglichkeiten für kleinere Hotels: «Wenn wir einen Einheitsbrei haben, werden wir vergleichbar und damit austauschbar.» Jon Erni ist überzeugt, dass das Hotel heute nicht mehr der eigentliche Grund ist, einen bestimmten Ort zu besuchen. Vielmehr seien es die Möglichkeiten, die eine Region bietet, wie zum Beispiel Biken oder Skifahren. Eine junge Frau aus dem Publikum plädiert für das Lokale, das Authentische: «Es findet derzeit ein Wandel zu einer nachhaltigeren Gesellschaft statt.» Und eine Hotelière fordert ein gesteigertes Bewusstsein für den wunderschönen blauen Himmel des Engadins. Geld sei doch nicht alles.

Neue Formen des Tourismus wirklich nötig?

«Wir brauchen keine neuen Formen des Tourismus», meint Gian Fanzun. Zu den beiden bisherigen Tourismusbereichen Ferien und Gesundheit würde nun einfach noch der Arbeitstourismus dazu kommen. Moderator Boltshauser ist der Meinung, dass nicht nur die Arbeitstouristen von einer guten digitalen Infrastruktur profitieren würden, sondern auch die Einheimischen. Zudem sei die digitale Infrastruktur eine Möglichkeit, sich zu positionieren. Und zum Schluss: «Wir sollten alle Personen ansprechen, die ihr Herz hier haben, und nicht nur diejenigen, die im Engadin wohnen.» Jon Erni sieht grosses Potenzial in den vielen Menschen, die eng mit dem Engadin verbunden sind.

Bildlegende (von links nach rechts): Roger Boltshauser, Kurt Baumgartner, Jon Peer, Jon Erni, Carlos Gross, Gian Fanzun, Lorenzo Giuliani

Autorin: Dr. Béatrice Miller, Leiterin Kommunikation und Bildungsinitiativen, mia Engiadina


Medienbericht

La Quotidiana: Per as recrear, scolar e lavurar